Am 6. Januar 2026 ging bei der Generaldirektorin des Centre Hospitalier de Luxembourg ein von sechs Ärzten des städtischen Krankenhauses verfasster Brief ein, in welchem diese schwere Vorwürfe gegen einen Kollegen erhoben. Der in der medialen Berichterstattung zunächst nicht namentlich genannte orthopädische Chirurg soll seit 2023 in mindestens 10 Fällen medizinisch nicht notwendige Operationen an Kreuzbändern durchgeführt haben. Am 9. Februar soll der Brief auch den Generaldirektor der Krankenhausgruppe Hôpitaux Robert Schuman erreicht haben. Die genannten Operationen wurden nämlich dort durchgeführt und nicht im CHL. Die Patienten, die nach der Operation weiter Beschwerden hatten, wurden dann jedoch im CHL vorstellig, wo den Ärzten eine Reihe an Unregelmäßigkeiten auffielen. In einigen Fällen musste daher sogar erneut operiert werden. Laut einem Sprecher der HRS soll der Fall „sofort intern bearbeitet und ein Verfahren eingeleitet“ worden sein.
Die Konsequenz dieses Verfahrens wurde am 20. Januar öffentlich: Der Arzt wurde vorläufig suspendiert. Neben der internen Suspendierung intervenierte aber auch das Gesundheitsministerium. Der Gesundheitsministerin steht es gesetzlich zu, bei Gefahr im Verzug, eine nicht auf ein einzelnes Krankenhaus beschränkte Suspendierung von zunächst drei Monaten auszusprechen, wenn davon ausgegangen werden muss, dass ein Arzt bei der Ausübung seines Berufes künftige Patienten gefährden könnte. Entscheidend ist hier allerdings, dass diese Entscheidung nur auf Empfehlung des Collège médical getroffen werden kann. Offenbar verfasste das Gremium bereits am 16. Dezember 2025 ein solches Gutachten, denn schon damals sollen sich die ersten Ärzte an das Collège medical gewandt haben, um auf den Fall aufmerksam zu machen. Aussagen des Anwaltes des Arztes zufolge erfuhr dieser aber erst am 14. Januar von den Ermittlungen des Collège médical, als er eine Mitteilung des Gesundheitsministeriums erhielt, dass man eine Suspendierung erwäge, was den Arzt dazu veranlasste noch am selben Tag im Ministerium vorstellig zu werden, wo dieser zunächst mit zwei konkreten Fällen konfrontiert wurde, bis dann einen Tag später weitere Fälle nachgereicht wurden, wobei jedoch die Unterschriften der Ärzte, welche die Berichte verfassten, geschwärzt worden sein sollen. Ob im Ministerium und im Collège médical die nötigen Prozeduren eingehalten wurden, kann man nicht mit Sicherheit sagen, da gerade das Collège médical, wie von verschiedenen Journalisten kritisiert, nicht besonders transparent arbeitet und dringend reformbedürftig sei. Insbesondere war zunächst nicht bekannt, ob der beschuldigte Arzt vom Collège médical überhaupt angehört wurde und wenn ja, ob ihm die Möglichkeit gegeben wurde, sich angemessen zu verteidigen.
Was man jedoch aus übereinstimmenden Medienberichten weiß, ist, dass am 21. Januar eine erneute Anhörung des Arztes im Gesundheitsministerium stattfand. Die Entscheidung fiel prompt: Der betroffene Arzt wurde für drei Monate suspendiert. Wie das Luxemburger Wort berichtete, erschienen der Ministerin die Vorwürfe „begründet und plausibel“. Die Einwände des Arztes seien „nicht geeignet gewesen, die Plausibilität der Vorwürfe zu zerstreuen oder die Dringlichkeit der Gefahr zu widerlegen“. Konsequenz des Suspendierung war aber zunächst „nur“, dass der Arzt nicht mehr als Chirurg arbeiten durfte. Er könne Patienten jedoch weiterhin Patienten für medizinische Sprechstunden empfangen, wie die Ministerin in einer Erklärung in der Abgeordnetenkammer betonte.
Die Situation eskalierte weiter, als sich der renommierte Anwalt des in die Kritik geratenen Arztes in einem Schreiben an die Presse wandte. Sein Mandant würde alle auf anonymen Denunziationen basierenden Vorwürfe zurückweisen. Der Anwalt kritisierte zudem das Vorgehen der Gesundheitsministerin als schwerwiegenden Verstoß gegen die Rechtstaatlichkeit. Die Entscheidung der Ministerin sei willkürlich und unverhältnismäßig gewesen und würde darauf abzielen, den guten Ruf des Arztes dauerhaft zu schädigen.
In typischer luxemburgischer Tradition wurde der Name des betreffenden Arztes bis zu diesem Zeitpunkt nicht genannt. In einem kleinen Land wie Luxemburg sprechen sich Gerüchte allerdings schnell herum, weshalb es wohl nur eine Frage der Zeit gewesen wäre, bis die Identität des Arztes aufgefolgen wäre. Aufgrund dessen scheint es plausibel, dass der Anwalt dem Arzt riet, die Flucht nach vorne anzutreten und seine Identität preiszugeben, was mit einer weiteren Pressemitteilung, in der die Aufhebung des Suspendierung des Arztes gefordert wurde, dann auch geschah. Bei dem in die Kritik geratenen Arzt handelt es sich um den orthopädischen Chirurgen Dr. Philippe Wilmes.
Mit dem Bekanntwerden der Identität des Arztes bekam die Affäre eine politische Dimension, denn Dr. Philippe Wilmes ist nicht nur der Bruder von Umweltminister Serge Wilmes, sondern er war auch Ex-Vizepräsident der Ärztevereinigung AMMD, die dem Arzt nach Bekanntwerden der Vorwürfe gegen ihn, sofort zur Seite sprang. Außerdem geriet Wilmes letztes Jahr durch das Projekt „Findel-Klinik“ in die Kritik, das viele als weiteren Schritt hin zu einer Zweiklassenmedizin sahen, darunter auch Politiker der Regierungsparteien, vor allem aber der LSAP, die sich schon unter der früheren Gesundheitsministerin Lenert gegen private, nicht an Krankenhäuser gebundene Strukturen mit unklarer Rechtsgrundlage wandte.
In einer Parlamentskommission äußerte sich die Gesundheitsministerin am 3. Februar ausführlich zur Causa Wilmes und gab dabei zwischen den Zeilen zu, dass doch nicht alles so regelkonform abgelaufen ist, wie man zunächst behauptete. So soll sie laut RTL gesagt haben: „Et ass net wéinst engem Prozedurfeeler, dass um Fong den Dossier net korrekt ass“. Sie begründete ihre Entscheidung damit, aus Sorge um die Patienten gehandelt zu haben. Sie sei außerdem auch gesetzlich zu diesem Schritt verpflichtet gewesen.
Am 6. Februar äußerte sich auch erstmals das Collège médical öffentlich. Wilmes führte als Kritikpunkt immer wieder an, dass die „Denunziationen“ anonym gewesen seien. Das Collège médical rechtfertigt die Anonymisierung der Dokumente damit, Whistleblower schützen zu wollen. In Luxemburg gibt es zwar seit kurzem ein Gesetz zum Schutz von Whistleblowern, allerdings bezieht sich dieses nicht auf liberale Berufe, also nicht auf die Ärzteschaft.
Zunächst kommunizierte Wilmes nur über seinen Anwalt. Relativ schnell ging er dann aber auch persönlich in die Offensive. Er verfasste einen offenen Brief an seine Patienten, in dem er versuchte, diese zu beruhigen, lancierte eine Website, auf der sich Patienten und Ärzte mit ihm solidarisieren konnten und richtete sich anschließend sogar an Premierminister Luc Frieden. Darin holt Wilmes zum Rundumschlag aus: Erstens wirft er dem Collège médical vor, sich nicht an die legalen Prozeduren zu halten, zweitens wirft er Gesundheitsministerin Deprez vor, eine illegale und willkürliche Entscheidung getroffen zu haben und sich über die Verfassung hinweg gesetzt zu haben. Des Weiteren habe die Ministerin die Entscheidung der Justiz ignoriert. Dabei spielt er darauf an, dass die Staatsanwaltschaft derzeit keine Anhaltspunkte für die Eröffnung eines Strafverfahrens sieht. Diese betonte jedoch selbst, dass das Collège médical eine Disziplinarprozedur einleiten könne und ein Verfahren, bei neuen Erkenntnissen, jederzeit wieder aufgenommen werden kann. Besonders aufsehenerregend war Wilmes‘ Auftritt im RTL-Fernsehen. Zur Prime Time wurde dem Arzt die Möglichkeit gegeben, sich zu den Anschuldigungen zu äußern. Offenbar ohne die Ironie hinter seiner Aussage zu verstehen sagte er dem Moderator dann: “Et huet ee keng Méiglechkeet, sech ze verdeedegen”. Wilmes wiederholte dabei wieder seine Kritik an den anonymen Beschuldigungen. „Hei ass eppes amgaangen, wat doropper ofziilt, mäi Ruff ze zerstéieren“ führte er weiter aus. Auch das Luxemburger Wort gewährte Wilmes ein ausführliches Interview, in dem dieser wieder von einem „Hexenprozess“ sprach und allen möglichen Leuten vorwarf, ihm etwas Böses zu wollen. Wilmes‘ Vorwurf, nicht die Möglichkeit zu haben, sich zu verteidigen, wirkt vor dem Hintergrund der ihm zur Verfügung gestellten medialen Plattform einigermaßen absurd.
Geradezu erschreckend waren dann die am 20. Februar im RTL-Interview durch den Anwalt von Dr. Wilmes getätigen Aussagen. Das Verwaltungsgericht hatte an diesem Tag den Antrag auf Aufhebung der Suspendierung als unbegründet abgewiesen. Man wolle nicht aufgeben, sondern „zurückschlagen“, sagte Prum. Was er genau damit meint, wird gegen Ende des Interviews klar: „Mir wäerte ganz staark géint déi Leit virgoen, déi hien an dës Situatioun bruecht hunn.” Man kann nur spektulieren, wer damit gemeint sein könnte, aber nach Wilmes‘ Rundumschlag kommen nicht nur die Ärzte, die ihn „denunziert“ haben infrage (was wiederum eindrucksvoll belegt, warum die Anonymität der Quellen gewährleitet bleiben sollte), sondern auch Journalisten, die ihm nicht wohlgesonnen sind, sowie möglicherweise auch Gesundheitsministerin Deprez und Mitglieder der Collège médical.
Wilmes und sein Anwalt bereiten sich aktuell auf das offizielle Verfahren vor, bei dem sie die Unschuld des Arztes beweisen möchten. Hierzu wurden drei Experten ernannt. Mit der vom Ministerium ernannten Expertin ist Wilmes Anwalt allerdings unzufrieden, da er hier einen Interessenkonflikt wittert, was die Ministerin allerdings abstreitet. Darauf reagierte Wilmes in einem Facebook-Post erbost: „Martine DEPREZ mauschelt mit Denunziant Prof. Romain SEIL: Im Zweifel GEGEN den Angeklagen!“ schrieb er in roter Schrift über einen Screenshot eines Artikels aus dem Luxemburger Wort. Die Sympathien der entsprechenden Redakteurin gegenüber Wilmes sind offenkundig, versucht sie doch seit Beginn der Affäre Wilmes zu schützen, indem sie andere Institutionen, wie das Collège médical oder das Gesundheitsministerium in ein schlechtes Licht rückt.
Zum jetzigen Zeitpunkt wissen wir nicht, ob an den Vorwürfen gegen Dr. Wilmes etwas dran ist. Angesichts des Korpsgeistes, der unter Medizinern herrscht, scheint es aber nicht völlig abwegig, dass doch etwas dran ist. Ärzte „verpfeifen“ ihre Kollegen ungerne und „Untergebene“ ihre Vorgesetzen schon gar nicht. Es ist gerade dieses Phänomen, das dafür sorgt, dass Patienten, denen Unrecht geschehen ist, nicht zu ihrem Recht kommen. Wenn nun also sechs Ärzte einen Kollegen „denunzieren“, muss dies immerhin ernst genommen werden. Immerhin ist dieser Fall in der rezenten Geschichte des Großherzogtums beispiellos.
Es ist nicht nur im Interesse der betroffenen Patienten, dass diese Affäre aufgeklärt wird, sondern auch im öffentlichen Interesse. Die Causa Wilmes hat das Vertrauen der Menschen in das Gesundheitssystem geschwächt. Nur durch eine lückenlose Aufklärung kann dieses wiederhergestellt werden. Wenn an den Vorwürfen wirklich nichts dran sein sollte, ist dies auch im Interesse von Wilmes selbst. Aber abgesehen von den eigentlichen Vorwürfen, ist es vielmehr das aggressive Verhalten von Dr. Wilmes, das Misstrauen schürt. Es ist nachzuvollziehen, dass Ärzte, deren Ruf geschädigt wurde, es nicht leicht haben und gegen eine solche Rufschädigung vorgehen wollen. Hier ist jedoch noch eine andere Dynamik im Spiel, die nicht übersehen werden darf: Wilmes selbst ist durch seine Flucht nach vorne, durch sein aggressiv anmutendes Auftreten in den Medien, seine Rundumschläge und Anschuldigungen gegen so ziemlich jeden und letzlich auch wegen der Aussage, hart gegen jene Leute vorzugehen, die ihn in diese Lage gebracht haben, selbst dafür verantwortlich, dass sein Ruf geschädigt wurde. Es mag sein, dass es zu prozeduralen Fehlern gekommen ist. Dies muss selbstverständlich auch aufgeklärt und entsprechende Konsequenzen gezogen werden. Dennoch muss man es Gesundheitsministerin Deprez hoch anrechnen, dass sie, in einem Gesundheitssystem, das nicht gerade für seine Patientenfreundlichkeit bekannt ist, bei ihrer Entscheidung, Dr. Wilmes vorläufig zu suspendieren, dem Wohl des Patienten Priorität einräumte. Hätte sie dies nicht getan, wäre die Kritik an ihr, in dem hypothetischen Fall, in dem sich die Vorwürfe bestätigt hätten, umso heftiger ausgefallen. Ein klassisches moralisches Dilemma also.
Was die Causa Wilmes so verheerend macht, ist nicht nur, dass, sollten die Vorwürfe stimmen, Patienten zuschade kamen, sondern warum bei ihnen medizinisch nicht notwendige Operationen durchgeführt wurden. Es gibt genügend Beispiele aus dem Ausland, etwa aus Deutschland, die dokumentieren, dass Ärzte gerne teure Hüftoperationen durchführen, obwohl dies nicht zwingend notwendig ist. Diese Praktik wird nicht nur nicht kritisiert, sondern von den Krankenhäusern, die heute fast ausschließlich in privater Hand sind, auch ausdrücklich begrüßt, denn am Ende muss sich das „Geschäft“ ja rentieren. Es ist also wieder einmal ein Beispiel dafür, wie ein unkontrollierter Kapitalismus dem Menschen schadet.
Außerdem legt die Wilmes-Affäre die Machtasymmetrien in unserer Gesellschaft offen. Wilmes ist beruflich bestens vernetzt und hat einen großen Unterstützerkreis in der Ärzteschaft. Er ist mit den finanziellen Mitteln ausgestattet, einen renommierten Anwalt zur Durchsetzung seiner Interessen und zum Mangement seiner PR zu engagieren. Der Patient hingegen ist in der Regel mit deutlich weniger sozialen und finanziellen Ressourcen ausgestattet. Er ist oft dem Willen und der Willkür der Ärzte schutzlos ausgeliefert. Das Unrecht, das Patienten innerhalb der Mauern der Krankenhäuser angetan wird, dringt nur selten nach außen. Es wäre eigentlich Aufgabe der Medien, diesen Menschen eine Stimme zu geben.
Quellen:
Chirurg in Luxemburg wegen unnötiger Operationen suspendiert | Luxemburger Wort
RTL-Informatiounen: HRS-Orthopäd och lo vu Ministesch temporär suspendéiert – RTL Lëtzebuerg
Le Dr Wilmes fustige une manœuvre politique | Le Quotidien
So soll ein neues „Klinik“-Konzept den Ärztemangel lindern | Luxemburger Wort
Philippe Wilmes: „Das hier ist ein Hexenprozess“ | Luxemburger Wort
Tageblatt.lu | Affäre Wilmes | Gesundheitsministerium weist Vorwürfe aus Wort-Artikel zurück
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